Empfehlungen für die Diabetes-Behandlung von Migranten
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Geschrieben von Dr. med. Bernd Kalvelage, Hamburg
bis 25.05.2006 1. Vorsitzender der AG Diabetes und Migranten e.V.
zuletzt geändert am 26.03.2006
Für die nicht immer korrekten Zeilenanfänge bitte ich um Entschuldigung, ich übe noch!
Egon Manhold
(siehe auch www.diabetesundmigranten.de )
Empfehlungen für die Diabetes-Behandlung von Migranten
Präambel 600.000 Migranten mit Diabetes sind medizinisch unterversorgt (Bad Neuenahrer Erklärung 2001), das sind zehn Prozent aller Diabetes-Kranken in Deutschland.
Soziale und nicht primär kulturelle Ursachen sind für die bisher unbefriedigenden Ergebnisse der Diabetes-Behandlung von Migranten verantwortlich: fehlende Beherrschung der deutschen Sprache, Schwellenängste, Bildungs- und Informationsdefizite und Analphabetismus. Viele Migranten stehen heute repräsentativ auch für jene deutschen Patienten, die durch ihren sozialen Status, durch begrenzte Teilhabe an Einkommen, Bildung und Information, durch körperliche oder seelische Handicaps es schwer haben, das Selbstmanagement ihres Lebens und ihres Krankseins zu leisten. Armut zum Beispiel ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Chronifizierung von Krankheiten und eine ungünstige Prognose (Armutsbericht der Bundesregierung 2005, Armutsberichte der Länder).
Die Vermeidung von Chronifizierung der primär chronischen Diabeteserkrankung und damit von Leiden und Kosten ist ein vorrangiges Ziel der DDG. Die Forderungen der St Vinzent – Deklaration konnten noch nicht erfüllt werden, die Studien CODE 2, UKPDS und EDIC belegen die Notwendigkeit und den Nutzen einer intensiven Behandlung und Betreuung. Dies gilt auch für Migranten! Die Deutsche Diabetologie ist nicht in der Lage, die gesellschaftlich versäumte Integration von Migranten herbeizuführen. Mit der Anerkennung der „AG Diabetes und Migranten“ hat die DDG allerdings ein eindeutiges Signal für Chancengleichheit in der Diabetes-Versorgung in Deutschland gesetzt.
Die Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Migranten legt mit diesen Empfehlungen erstmals ein pragmatisches Konzept vor, das aus der Erfahrung vieler diabetologisch Tätigen vor Ort entstand und Grundlage für eine öffentliche Diskussion innerhalb der DDG werden soll. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von „Selbstverständlichkeiten“, deren Umsetzung allerdings erfahrungsgemäß im Alltag oft an einer Fülle von Widrigkeiten scheitern.Die Empfehlungen sollen Mut machen zum kreativen Umgang mit Migranten, sie sind durchdacht und praxiserprobt, aber (in einigen Punkten noch) nicht wissenschaftlich evaluiert. Sie sollen die DDG-Leitlinien nicht modifizieren oder gar ersetzen, sondern zu ihrer besseren Umsetzung in der alltäglichen Praxis beitragen.
Empfehlungen:
1. Anamnese, Verständigung, Verständnis
Zur Überwindung der verbreiteten Sprachlosigkeit, der „sozialen Taubstummheit“ im Umgang mit Migranten schlagen wir vor:
- Vermehrte Beschäftigung von zweisprachigen Ärzten und Diabetesberatern
- Förderung der Ausbildung von Bewerbern mit entsprechen Voraussetzungen
- Einbeziehung der Familien und Institutionalisierung kompetenter, erwachsener Angehöriger als
Cotherapeuten
- Vermehrter Informationsaustausch und Kommunikation zwischen Hausarzt, Schwerpunktpraxis, Krankenhäusern, Diabetes-Zentren
- Nutzung der individuellen Ressourcen (Familienbindung, praktische und emotionale Intelligenz,
Erfahrungen aus der Küche, Kochrezepte, Betonung von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit ...)
- Professionelle Dolmetscherdienste sind nicht unproblematisch: ungeklärte Kostenübernahme,
fehlende spezielle Fachkompetenz, Gefährdung der Schweigepflicht, Misstrauen des Patienten,
nicht adäquate Verfügbarkeit
- Die Probleme in der Behandlung sollten nicht vorschnell „kultiviert“ werden: sie sind meist sozialer
Natur und mit psychosozialem Gespür auflösbar.
2. Patienten – Schulung
Migranten mit Diabetes sind mit Erfolg schulbar, aber nicht mit den etablierten Schulungsprogrammen.
- Vorhandene Informations- und Schulungsmaterialien bedürfen der kritischen Bewertung ( an Hand
eines eigenen Scores) , dies ist ein Schwerpunkt der Arbeit der AG
- Die individuell unterschiedlichen Voraussetzungen der Patienten für eine (grundsätzlich immer
mögliche) Schulung müssen erfassbar gemacht werden (Hilfestellungen zur Einschätzung in
Vorbereitung durch die AG), um Gruppen mit ähnlichen Voraussetzungen zu bilden und
Materialien und Inhalte anzupassen.
- Die frühzeitige Vermittlung der Blutzucker-Selbstkontrolle und der Dokumentation der
gemessenen Werte ist oft der erste Schritt zum Selbstmanagement (Erkennen des
Zusammenhangs zwischen BZ-Erhöhung und zuvor erfolgter Nahrungsaufnahme). Die Geräte
sollten über eine große Speicherkapazität verfügen und möglichst ohne oder mit einer einfach
durchzuführenden Codierung funktionieren.
- Schulungskonzepte müssen entgegen den (grundsätzlich berechtigten) Forderungen nach
Strukturierung und Evaluierung oft erst noch kreativ entwickelt und individuell modifiziert werden,
bevor eventuell Standardisierungen erfolgen können.
- In vielen Einzelfällen ist eine Einzelschulung erforderlich.
- Die Gruppengröße sollte in der Regel nicht mehr als 10 Patienten umfassen.
- Die Anzahl der Schulungsstunden muss ggf. über die Vorgaben der bestehenden Diabetes-
Verträge ausgedehnt werden, oft sind 15 bis 20 Schulungseinheiten erforderlich. Eine
kontinuierliche Weiterbetreuung durch Hausarzt und Diabetologen muss gewährleistet sein.
- Die Vergütung der Schulungen muss dem erhöhten zeitlichen und personellen Aufwand
angepasst werden.
Migranten mit Diabetes sind mit Erfolg schulbar, es müssen die gleichen Inhalte vermittelt und die gleichen Ziele angestrebt werden.
- Es bedarf aber einer didaktischen Reduktion entsprechend den Voraussetzungen der Teilnehmer
(s. 2.)
- Materialien und Erfahrungen aus der pädiatrischen Diabetologie stehen beispielhaft dafür.
- Essentielle Inhalte müssen definiert werden, (individuelle) Schwerpunkte gesetzt werden:
Bedeutung der Therapeut-Patienten-Beziehung (s. 3.) vor Wissensvermittlung; Vorrang von
Verhalten(sänderung) und des praktischen Tuns (z.B. Selbstuntersuchung der Füße) vor
interessanten pathophysiologischen Darlegungen; Anfassen statt Ansprechen; Vormachen statt
Vortragen.
- Mit der Übersetzung guter deutscher Schulungsprogramme in fremde Sprachen werden die
Betroffenen oft nicht erreicht sondern überfordert (z.B. MEDIAS 2 , türkische Version)
- Neue Schulungsmaterialien sind nötig mit einem sich selbst erklärenden Inhalt (Fotos, „Comics“,
Videos). Die AG ist mit der Entwicklung solcher Materialien beschäftigt.
- In der Ernährungsberatung sind kulturell geprägte Gewohnheiten zu beachten. Bei Adipositas
muss jeder Patient eine Chance zur individuellen Gewichtsabnahme angeboten bekommen.
- Ernährungsempfehlungen müssen klar und eindeutig sein („maximal 2 Stücke Obst pro Tag“ =
zweimal eine Handvoll). „Freie Kost“ ist für alle Patienten (mit Typ 2 – Diabetes) eine
missverständliche Parole und für Migranten eine Katastrophe!
- Vermehrte Bewegung ist wichtiger als Gewichtabnehmen, beides muss praktikabel, kreativ und als persönliche Chance und nicht als Fremd-Forderung angeboten werden.
- Rituelle, z.T. mehrmals tägliche Fußwaschungen und häufiges Barfuss gehen erfordern
besondere Aufmerksamkeit bei der Fußpflege (Abtrocknen!), um Verletzungen oder
Pilzinfektionen zu vermeiden.
3. Psycho-soziale Betreuung
Es gilt neben den individuellen Aspekten auch die besondere soziale und psychologische Situation der jeweiligen Migranten als ethnischer Gruppe zu berücksichtigen. Migranten können uns gelegentlich „aus dem Konzept“ bringen. Vieles „Selbstverständliche“ bedarf des bewussten, angepassten Einsatzes:
Das Empowerment-Konzept fördert auch bei Migranten das Selbstmanagement,
- Es muss wohldosiert umgesetzt werden
- Es muss gegen Compliance-Wünsche vieler Patienten („Sag mir, was ich machen soll, du bist
der Experte“) und angesichts von nicht eingehaltenen Vereinbarungen auch gegen Anwandlungen
von Unmut beim Behandler („Ich bin es Leid, das immer wieder mit ihnen zu diskutieren. Sie
wissen doch, wie es richtig geht“) aufrechterhalten werden.
- Die „Auftragsklärung“ ist schwieriger als bei deutschen Patienten aber noch wichtiger, da nicht
erfragte Motive, nicht ausgesprochene Erwartungen und die Ignorierung kulturell geprägter
Phantasien des Patienten („Zucker in der Schwangerschaft macht schlaue Babys“) den weiteren
Verlauf der Behandlung und der Beziehung entscheidend beeinflussen können.
- Das „Abholen, wo sie stehen“ erfordert u.U. völlig andere Wege (und Zeiten) als gewohnt,
Lösungsstrategien müssen gemeinsam erarbeitet und erprobt werden.
- Gutes Zuhören ist auch bei gedolmetschten Gesprächen erforderlich, wenn bei schlechter
Verständigung dennoch Verständnis erreicht werden soll.
- Es sind Konflikte mit Klinikverwaltungen und Ärzten in den Praxen auszutragen, solange die
erforderliche Mehrarbeit(szeit) von den Kostenträgern nicht adäquat honoriert wird.
- Das „Gesagt ist nicht Verstanden, Verstanden ist nicht Behalten, Behalten ist nicht Getan, Getan
ist nicht Beibehalten“ trifft auch bei vielen Migranten zu. Ein „Ja“ ist häufig eine höfliche Geste
besonders Ärzten gegenüber aber kein Signal der überzeugten Zustimmung.
- Elemente des Selbstmanagements müssen mit individuell angepasstem Tempo eingebracht
werden
- Hemmschwellen sollten unbedingt akzeptiert werden. Ein „Ausprobieren“ (z.B. der
Insulininjektion) sollte aber immer angestrebt werden.
- Geduld ist erforderlich, häufige Wiederholungen und regelmäßige Kontrollen aller Schritte und
Medikamente sind unvermeidlich
- Eine „neugierige“ Grundhaltung ist hilfreich, um Frustrationen und Missverständnisse zu
vermeiden.
- Die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung ist stärker von nichtverbalen Gesten und
Handlungen abhängig: gemeinsames Lachen, Berühren, „Handauflegen“, Akzeptanz und
Respektierung befremdlicher Verhaltensweisen und Gewohnheiten, Verstärkung vorhandener
Ressourcen, Integration der Familie in allen Behandlungs-Situationen.
- Entängstigung und Abbau falscher Vorstellungen (schuldhafte Krankheitsverarbeitung,
Dramatisierung von Injektionen) setzen ihre Wahrnehmung voraus, dabei ist der Behandler mehr
auf empathisches Einfühlen als auf Verbalisierungen des Patienten angewiesen.
- Balint-Gruppen artige Team- und Fallbesprechungen schützen vor ungerechtfertigten, unmutigen
Zuschreibungen und verhindern ein „Ausbrennen“ des Einzelkämpfers. Ein Wechsel der
Bezugsperson (Mann-Frau, alt-jung, Arzt-Beraterin-Psychologe) ist manchmal hilfreich und
notwendig.
- Schuldzuweisungen und Vorwürfe sind vermeidbar, wenn die Verantwortung des Patienten für
seinen Diabetes grundsätzlich geklärt ist und vom Behandler innerlich akzeptiert wird. Die
Aufgabe des Behandlers ist es, bei sich und dem Patienten auf Grenzen zu achten, um
einerseits Besserwissen, Bevormunden und Vorwürfe („Ich habe ihnen das doch schon
zwei Mal erklärt!“) auf seiner und Passivität und unangebrachte Wünsche des Patienten
(„Wo ist Mädchen dolmetschen?“) andererseits, also eine Kollision zwischen Patient
und Behandler, zu vermeiden.
Dies gilt ganz besonders für Berater aus dem Kulturkreis des Patienten, die dabei u.U.
die Unterstützung des Gesamtteams benötigen.
- Die vorläufige Beendigung der Behandlung ist bei fehlender Motivation und nicht
eingehaltenen
(Schulungs-)Terminen manchmal unvermeidlich, sollte aber ohne Aufgabe oder
Beschädigung der Beziehung, emotionslos und mit einer klar definierten Bedingung
eines später möglichen Neubeginns verknüpft werden („Melden sie sich bei uns, wenn
sie unsere Hilfe wollen“).
- Längere Heimaturlaube sind oft „Urlaube vom Diabetes“. Auf die Notwendigkeit, der
Therapie auch im Urlaub treu zu bleiben, muss speziell hingewiesen werden
(Einbeziehung der mitreisenden Angehörigen!). Alle Medikamente und Hilfsmittel
müssen deshalb (auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten) in ausreichender Menge
rezeptiert werden (Begründung: „Urlaubsmenge“, keine Budget-Ängste!).
- Messbare Erfolge stellen sich oft erst im Laufe der Zeit ein, sie sind – allen kurzfristigen
Qualitätskontroll-Anforderungen zum Trotz – k e i n taugliches Kriterium für die Güte der
Behandlung / des Behandlers. Messwertzentrierte Qualitätsziele können in Gegensatz
stehen zum Prinzip des Empowerments (und den individuell zu vereinbarenden
„Patienten-Zielen“), sie können u.U. unguten Compliance-Druck erzeugen („Dieser
Patient verdirbt mir meine Statistik!“). Therapeutischer Nihilismus ist bislang das größte
Qualitätsdefizit!
4. Berücksichtigung aller Risikofaktoren und aller Begleiterkrankungen
Die Schwierigkeiten, notwendige Verhaltensänderungen und eine bessere Diabetes-Einstellung zu erreichen, verlangen eine besondere Berücksichtigung und Behandlung begleitender - oft leichter zu beeinflussender - Risikofaktoren und Erkrankungen.
Auch Migranten mit Diabetes Typ 2 sind vor allem kardiovaskulär gefährdet!
- Bei bekannter KHK oder Zustand nach Herzinfarkt oder Apoplexie muss die regelmäßige
kardiologische Mitbehandlung gewährleistet sein.
- Ein jährliches Belastungs-EKG bei Patienten über 50 Jahre ist wegen der oft atypisch
präsentierten oder fehlender Symptomatik einer KHK zu fordern.
- Erfahrungsgemäß wird gerade bei Migranten der Diabetes erst nach eingetretenem Herzinfarkt
gezielt eingestellt, während nach dem Infarkt häufig die begleitenden Risikofaktoren
vernachlässigt werden.
- Optimale Blutdruckeinstellung und risikoadaptierte Behandlung einer Hyperlipämie sind
erforderlich.
- Möglichkeiten zur Nikotinkarenz müssen aktiv angeboten werden.
- Berücksichtigt und ggf ausgeschlossen werden müssen auch (anamnestisch oft nicht zu
erhebende) bekannte oder bisher unentdeckte Begleiterkrankungen (Abhilfe durch
Kommunikation mit Mitbehandlern, Einsehen von Krankhausberichten, vorsorgliche Erweiterung
des Laborprogramms) wie zum Beispiel: Zoeliakie, pluriglanduläre Insuffizienz-Syndrome,
Akromegalie, Autoimmun-Krankheiten, Kortisonbehandlung wegen Rheuma oder Asthma,
Hämoglobinopathien (bei diskrepanten, nicht verwertbaren HbA1c-Werten),
Medikamentenunverträglichkeiten, Malignome (und deren erforderliche Nachsorge).
- Der regelmäßig und umfassend geführte Gesundheitspass Diabetes ist unverzichtbar für die
Kommunikation mit Vor- und Nachbehandlern.
- Depressionen sind häufig. Sie können Folge der schlechten Stoffwechseleinstellung und von
Diabetes-Komplikationen (Polyneuropathie-Schmerz, erektile Dysfunktion, Sehstörungen) sein.
Sie sind fast immer Ausdruck fehlender „coping“-Strategien gegenüber Krankheit(en) und den
speziellen Lebensumständen. Das Meistern des Diabetes kann so für den Patienten und seine
Umgebung zu einer Chance werden, für die Bewältigung auch anderer Schwierigkeiten.
- Frühes Screening auf Gestationsdiabetes ist besonders bei übergewichtigen Schwangeren mit
positiver Familienanamnese erforderlich verbunden mit einer generellen Ernährungsberatung (s.
auch 5.).
5. Insulinbehandlung
„Mehr Insulin“ und ein rechtzeitiger Beginn der Insulinbehandlung sind auch bei Migranten zu fordern. Migranten mit Diabetes sind in der Regel von der Notwendigkeit und dem Nutzen der Insulinbehandlung zu überzeugen.
- Ärzte müssen oft noch davon überzeugt werden, dass weder Analphabetismus noch Blindheit
oder andere Handicaps primär eine Insulin-Kontraindikation darstellen.
- Migranten sind besonders gefährdet im Sinne einer „self fullfilling prophecy“ – „ist nicht in der
Lage, Insulin zu spritzen“, u.U. jahrelang mit einem Cocktail oraler Antidiabetika bei zweistelligem
HbA1c „behandelt“ zu werden. Dabei besteht oft ein unausgesprochenes Stillhalte-Abkommen
zwischen Arzt und Patient.
- Rechtzeitig mit der Insulinbehandlung bei Gestationsdiabetes beginnen („Sie spritzen das Insulin
für ihr Kind!“).
- Vorurteile gegen Insulin sind bei Migranten besonders verbreitet und müssen geduldig, aktiv
ausgeräumt werden v o r (!) seinem ersten Einsatz : Insulin mache abhängig, schade der Niere,
die Injektion sei schmerzhaft und kompliziert wie eine Blutentnahme bei schlechten Venen, die
Injektion erfordere einen immensen Aufwand, Insulin sei giftig („weil es gespritzt werden muss“),
Insulin stamme von Leichen oder Tieren („Schwein“), Insulin sei „Chemie“...
- Die Darstellung des Textumfangs der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel der oralen
Antidiabetika im Vergleich zu Insulin überzeugt auch des Lesens nicht mächtige Patienten.
- Die Demonstration eines modernen Insulin-Pens und eine (fast immer mit Verblüffung als
schmerzfrei empfundene) Probepunktion (ohne Insulininjektion), bauen Ängste ab. Überzeugen
kann im Einzelfall auch die vom Behandler an sich demonstrierte Injektion.
- Die Auswahl des Insulin-Pens hängt von der Geschicklichkeit und dem Zahlenverständnis des
Patienten ab. Pens mit der Möglichkeit einer festen Dosisvorgabe (z.B. Optiset) oder der
Markierung der zu wählenden Dosis (z.B. Innolet) und Hilfsmittel zur Vermeidung der aktiven
Punktion (z.B. Pen-mate, Diapen) sind oft hilfreich.
- Die Gruppen-Erfahrung mit bereits Insulin spritzenden Patienten trägt zur Überzeugungsarbeit
bei.
- Die Insulin-Schemata müssen oft einfach sein, auf eine intensivierte Insulintherapie mit BE-
bezogener prandialer Insulingabe ist oft nicht möglich und (zumindest bei Typ 2 Diabetes) oft
auch nicht nötig. Fixe Dosierungen mit einfachen Anpassungsregeln entsprechend einer
supplementären Insulintherapie sind in der Regel erfolgreich durchführbar.
6. Der „unerklärlich“ hohe Blutzucker (BZ)Es handelt sich auch bei Migranten meist um durchaus e r k l ä r l i c he Blutzucker-Entgleisungen, die allerdings – bei Verständigungsproblemen - eine besonders akribische Abklärung erfordern. Dazu kann eine Check-Liste als Hilfe dienen:
6.1 Spritzen und Spritztechnik:
- Injektionsstellen (Lipodystrophien, Narben, Injektion von Normalinsulin am Oberschenkel,
Kein Wechsel der Injektions-Stelle )
- Pen zu früh herausgenommen (10 Sek.-Frist)
- gequetschte Hautfalte
- intracutane Injektion
- zeitlich nicht gespritzt wie vereinbart
- Insulin weggelassen bei gutem BZ
- Vorspritzen von Insulin („in die Luft“) bei bereits eingestellter Dosis
- zu kurzer Spritz-Ess-Abstand
6.2 Insulin – Pen:
- falsches Insulin im Pen
- Pen-Defekt nicht bemerkt
- Kanüle zu kurz, falsches Fabrikat, Nadel verstopft, zu lange benutzt
- Punktion ohne Injektion (Abdrücken des Pens vergessen)
- falsche Dosis eingestellt (Optipen : falsch herum gehalten: aus 02 E werden 20 E; 1. Injektion
nach Ampullenwechsel ist falsch dosiert bei alten Modellen)
- bei neuer Patrone Stempel nicht angefahren
6.3 BZ-Selbstkontrolle:
- Vorquetschen des Blutstropfens
- Hände nicht gewaschen vor Blutabnahme
- Codierung falsch
- Teststreifen feucht, verfallen
- Blutmenge auf Teststreifen stimmt nicht
- Einstellung des BZ-Geräts falsch (mmol/l statt mg%)
- Hkt-Erniedrigung unter 30 %
- Triglyzerid-Erhöhung (Precision Xtra und Glucometer Elite/Ascensia XL messen bis 3000 mg%)
- Gerät defekt
- fehlender Geräte-Vergleich mit sicherem Gerät mindestens 1x /Quartal
(z.B. Haemocue: max 15 % Abweichung)
- unzulässiger Geräte-Vergleich aus zeitlich versetzten Blutabnahmen
6.4 Tagebuch:
- TB wird nicht geführt
- Messungen sind postprandial erhoben
- BZ-Messung unmittelbar nach Zwischenmahlzeit
- keine zeitbezogene Eintragung
- HbA1c – BZ – Diskrepanz bei „gefälschten“ Tagebuch-Eintragungen Vergleich mit Speicherwerten)
- im Speicher des BZ-Geräts sind „fremde“ BZ-Werte (von Verwandten)
6.5 Ernährung:
- „freie Kost“ (große Obstmengen, unregelmäßige Mahlzeiten, süße Getränke, Honig...)
- Ausprobieren von schnellen KHs („Naschen“)
- fehlendes KH-Gerüst bei CT oder OADs
- BE-Faktoren zu niedrig
- falsche Einschätzung verzehrter BEs
- sehr kohlenhydrathaltige Mahlzeiten („BE-Exzesse“)
6.6 „falsches“ / fehlendes Insulin:
- Kurz-Analogon bei Zwischenmahlzeiten (bei SIT oder „unabgedeckt“ bei ICT)
- fehlende Basis
- Basis-„Anpassung“ an aktuelle BZ-Werte
- zu niedrige Insulin-Dosis bei Insulin-Resistenz
- kein Insulin bei tatsächlichem Vorliegen eines sekundären Tablettenversagen
- Insulin-„Verweigerung“
- Unterdosierung (Vergleich von Insulin-Dosierung mit rezeptiertem Insulin-Verbrauch )
- verfallenes Insulin
- ungenügende Mischung bei Verzögerungs- oder Mischinsulinen
6.7 dawn-Phänomen:
- Basis zu niedrig
- NPH-Versagen
- nächtliche Hypo
6.8 Hypoglykämie-Folgen:
- reaktive Hyperglykämie (z.B. bei „Tieffliegern“)
- Hypo-Angst („Hochflieger“)
- gestörte Hypo-Wahrnehmung
- Extra-BEs bei vermeidlich gefühlter aber nicht nachgewiesener Hypo
6.9 Schlaf-Anamnese:
- imperatives nächtliches Essen (Hypo ?)
- Nykturie am frühen Morgen (für Extra-Insulininjektion nutzen bei Insulin-Resistenz)
6.10 Bewegungs-Anamnese:
- „faule“ Tage mit erhöhtem Insulin-Bedarf
- allgemeiner Bewegungsmangel
6.11 Einfluss von Begleit-Erkrankungen:
- ungenügende / fehlende Dosis-Anpassung bei erhöhtem Bedarf (Infekte)
- Cortisonbehandlung, Diuretikatherapie
- andere Hormonstörungen (s. 4.)
7. Disease Management Programm Diabetes Migranten können von den Absichten des DMP profitieren, aber
- Es wurde bisher von den Krankenkassen versäumt, diese Patientengruppe adäquat
anzusprechen, es fehlen bis heute bundesweit Einverständnis-Erklärungen und Informationen in
Fremdsprachen.
- Manche Migranten versäumen die Fristen für die geforderten Folgedokumentation durch längere
Auslandsaufenthalte. Sie sollten nicht automatisch aus dem DMP ausgeschlossen werden.
- Bei dem insgesamt eher zu groß angelegten Datenvolumen wurde auf die Erfassung von
psychosozialen Items wie Beherrschung der deutschen Sprache, Schulbildung und die
Abschätzung der Schulungsvoraussetzungen (siehe 2) verzichtet. Sie sollten zukünftig unter
Einbeziehung der AG und ihrer konkreten Vorschläge Berücksichtigung finden.
- Günstig für die Motivation sind die von einzelnen Krankenkassen angebotenen finanziellen
Erleichterungen bei Praxisgebühr und Befreiung von der Medikamentenzuzahlung.

