Diabetes und Partnerschaft

Diabetes & Psychologie e.V.
Arbeitsgemeinschaft Psychologie
und Verhaltensmedizin in der DDG

Diabetes und Partnerschaft

Natürlich gibt es keine Rezepte für eine gute Partnerschaft. Aber es gibt schon Unterschiede zwischen glücklichen oder eher unglücklichen Paaren. Wir nennen Ihnen einige, die vielleicht auch für Sie hilfreich sein können.

Eine erfüllte Partnerschaft wünschen sich die meisten Menschen. Eine, die auch gerade dann gut ist, wenn es zu Schwierigkeiten, unglücklichen Lebensumständen oder Krankheiten kommt. Doch viele Menschen scheitern an diesem Anspruch, erleben mehr Frust als Lust in der Beziehung oder lassen sich scheiden. Dabei gibt es aus der Forschung zum Thema "Zufriedenheit in der Ehe/Partnerschaftskonfklikte" genügend Hinweise, was glückliche Paare vor allem auszeichnet.

Gegenseitige Bestärkung

Glückliche Paare bestärken sich gegenseitig auf eine positive, unterstützende und wertschätzende Art und Weise. Trotz aller Macken und Schwächen des Anderen, schaffen es glückliche Paare, dem Partner das Gefühl zu vermitteln, ihn zu lieben und im Grunde so anzunehmen, wie er ist. Dieses grundsätzliche OK des Anderen ist sicher auch für eine gute Integration des Diabetes in eine lebendige Partnerschaft wichtig. Ein jugendlicher Erwachsener mit Diabetes hat dies in einer Diskussionsrunde, bei der es um die Frage ging, ob es sinnvoll sei, bei der Partnerwahl den Diabetes offen anzusprechen oder erst einmal eine Zeit lang zu verheimlichen, gut auf den Punkt gebracht: "Ich sage ganz bewusst meiner Partnerin von Anfang an, dass ich Diabetes habe. Das ist für mich eine Art "Lackmustest", denn wenn sich dann eine Frau zurückzieht, weiss ich schon sofort, dass dies nicht die richtige für mich ist. Mit jemanden, der mich mit Diabetes nicht akzeptiert, will ich sowieso nicht zusammenleben". Ein ständiges schlechtes Gewissen, wegen dem Diabetes eine mögliche Belastung für den Partner darzustellen oder ein unausgesprochener Vorwurf, wegen des Diabetes sei die Erreichung gemeinsamer Lebenziele (z.B. Kinder) nicht möglich, ist sicher für eine langfristig gute, sich gegenseitig unterstützende Partnerschaft, Gift.

Offen miteinander reden

Ein Merkmal einer guten Beziehung ist der Austausch von Gefühlen, Gedanken oder möglicher Belastungen. Eine lebendige Partnerschaft lebt davon, dem Anderen mitzuteilen, was jeder den Tag über erlebt hat, was einen im Moment gerade beschäftigt, welche Sorgen einen plagen. Glückliche Paare haben dafür oft kleine Rituale entwickelt, um dafür auch Zeit und Raum zu haben: Ein gemeinsamer Plausch nach dem Abendessen, regelmäßige Telefonanrufe oder das bewusste Freihalten von Zeiten, in denen ein intensiverer Austausch möglich ist. Dagegen gibt es in nicht gut funktionierenden Partnerschaften viele "Tabuthemen", die beide tunlichst vermeiden, da es ansonsten zu Streit und Meinungsverschiedenheiten kommt. Je mehr wichtige Felder der Partnerschaft solchermaßen tabuisiert sind, desto starrer ist in der Regel die Beziehung. Da Diabetes ein wesentlicher Bereich des Lebens darstellt, ist es sicher ein Merkmal einer guten Partnerschaft, wenn es den Partnern gelingt, auch über die alltäglichen Erlebnisse, Sorgen und Nöte rund um den Diabetes offen zu kommunizieren.

Gegenseitige Achtung, Respekt

Oft sind die Lebensbereiche und auch Lebensentwürfe von Partnern ungleich oder gänzlich verschieden. Auch unterscheiden sich Männer und Frauen oft stark darin, was sie als wichtig im Leben erachten und wie sie mit bestimmten Lebensaufgaben umgehen. In guten Partnerschaften wird dies eher als eine Bereicherung angesehen, während dies in schlechteren Partnerschaften zu großen Konflikten führen kann. Ein Beispiel dafür ist, wie Eltern eines Kindes mit Diabetes nach der Erkrankung sich die Betreuung des Kindes aufteilen. Aus Untersuchungen weiß man, dass hierbei Mütter eher einen größeren Teil der Verantwortung übernehmen und in einem höheren Ausmaß auf die Verwirklichung eigener Bedürfnisse (z.B. Berufstätigkeit) verzichten. Entscheidend dabei, ob diese Rollenverteilung von beiden Partnern akzeptiert wird, ist sicher neben der Frage, wie es zu dieser Entscheidung kam, in wie weit die Partner einen gegenseitigen Respekt vor der Leistung des anderen Partners aufbringen.

Wissen, dass jeder für sich wertvoll ist

Eine Beziehung ist nur so gut, wie jeder der beiden Partner auf eigenen Füßen steht und den eigenen Kopf benutzt. Gute Partnerschaften zeichnen sich meist auch dadurch aus, dass jeder der Partner nicht nur völlig in der Partnerschaft aufgeht, sich stark auf den Anderen bezieht und dabei eigene Interessen und Bedürfnisse zurückstellt. Für den Diabetes bedeutet dies, dass Partner akzeptieren müssen, dass der Ehepartner, Freund erst einmal für den Umgang mit seinem Diabetes selbst verantwortlich ist. Gibt einer der Partner die Verantwortung für den Diabetes rundweg an den anderen ab oder managed dieser zu einem hohen Prozentsatz den Diabetes im Alltag, so kann dies zwar kurzfristig ein ganz erfolgreiches Konzept darstellen, langfristig ist dies jedoch nur selten eine gute Alternative für einen guten Umgang mit dem Diabetes.

Feste Absprachen aushandeln

Manchmal ist es einfacher, im Alltag für einige Lebensbereiche feste Regelungen oder Absprachen zu treffen. Dies vermindert den Stress, immer wieder aufs neue, bestimmte Dinge auszuhandeln oder Vereinbarungen zu erzielen. Glückliche Paare zeichnen sich daher auch dadurch aus, dass wichtige Dinge klar geregelt sind: Wer macht den Abwasch, wer mäht den Rasen, wer bringt die Kinder in die Schule etc. Klare Regelungen haben den Vorteil, dass diese in der Regel in eher streßfreien Zeiten ausgehandelt werden, wo eine Einigung sowieso leichter fällt als im größten Streß. Besonders für das Verhalten im Unterzucker ist es sehr sinnvoll, solche klaren Regelungen zu treffen, ansonsten ist Streß vorprogrammiert: Darüber, dass sich Diabetiker beschweren, sich von Angehörigen ständig kontrolliert zu fühlen, darüber dass sich Angehörige verletzt fühlen, wenn die Hilfsangebote brüsk zurückgewiesen werden, darüber, dass das Verhalten in der Unterzuckerung zu späteren gegenseitigen Vorwürfen führt und, und, und ... Verhandeln heisst auch, nicht nur die eigene Position durchzusetzen, sondern sich auch in die Bedürfnisse des Anderen hineinzuversetzen.

Die Perspektive des Anderen beachten

Das Leben mit Diabetes ist nicht immer einfach. Für den Betroffenen, wie die Angehörigen. Manchmal hilft es schon, bewusst die Perspektive des Anderen einzunehmen, um ein gegenseitiges Verständnis für die Reaktion des Partners zu bekommen. Sich bewusst vorzustellen, wie der Partner dies oder jenes sehen könnte, ist ein wichtiges Merkmal einer guten Beziehung. Eine blosse Anerkennung des Zustandes, dass der Partner vielleicht genervt ist, weil er trotz aller Bemühungen den Diabetes nicht in den Griff bekommt, kann hierzu genauso helfen, wie ein Verständnis, dass der Wunsch, immer wieder zu erfahren wo der Partner sich aufhält, vor allem wegen einer starken Angst vor schweren Unterzuckerungen des Partners auftritt.

Fair streiten

Ein Leben ohne Meinungsverschiedenheiten ist fad wie Suppe ohne Salz. Trotzdem kann es bei einem Streit um einen Vergleich unterschiedlicher Meinungen gehen oder um bloßes Rechthaben. Fair streiten heisst, sich um eine Lösung zu bemühen und nicht einen Anlass zu suchen, den Anderen bloß zu stellen oder schlichtweg nur zu zeigen, dass man der Stärkere ist. Auch bei der Behandlung des Diabetes gibt es sicher Meinungsverscheidenheiten zwischen den Partnern. Dabei macht es einen großen Unterschied aus, ob sich die Partner bemühen, eine sachgerechte Lösung für ein Problem zu finden (z.B. "Ich würde eine viel höhere Dosis Insulin spritzen, aber schauen wir doch einfach einmal, wie Dein Vorschlag sich auf die Blutzucker auswirkt") oder es schlichtweg nur um das Rechthaben geht ("Du wirst schon sehen, wie dein Zucker verrückt spielen wird, wenn du nicht auf meinen Rat hören willst. Deine ewige Besserwisserei geht mir gehörig auf die Nerven").

Gemeinsame Interessen pflegen

Gemeinsamkeiten entstehen durch gemeinsames Tun. Untersucher haben herausgefunden, dass Männer und Frauen nach sieben Jahre Ehe im Durchschnitt jeden Tag nur noch 7 Minuten miteinander sprechen. Läuft dann jeden Tag der Fernseher und bestehen keine gemeinsamen Hobbies oder Interessen, droht die Partnerschaft an Langeweile zu ersticken. Zufriedenen Paaren gelingt es offenbar viel besser, gemeinsame Interessen zu pflegen. Versuchen Sie daher, nicht den Diabetes zum Mittelpunkt ihres Leben zu machen, sondern pflegen Sie ganz bewusst mit Ihrem Partner auch gemeinsame Aktivitäten. Je mehr Kraft Sie aus einer lebendigen Beziehung ziehen, desto leichter wird es Ihnen fallen, mit der Erkrankung Diabetes gut zurecht zu kommen.

Dr. Dipl.-Psych. Bernd Kulzer
Diabetes-Zentrum Mergentheim

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